Derzeit läuft die Bonner Politik und der besorgte Bürger in Sachen Viktoriakarree in Höchstform der Blindheit auf, und das auf zwei verschiedenen Ebenen.

So wurde – endlich – der jahrzehntelange Stillstand um das Viertel beendet. Wer nicht weiß, was das Viktoriakarree ist: Ein Häuserblock um das ehemalige Viktoriabad herum, welches seit rund einer Dekade dem Verfall preisgegeben wurde, da ein Abriss angedacht ist. Sowohl das Stadtmuseum, als auch die Gedenkstätte, überall wurde nur notdürftig geflickt, statt saniert.

In die mehr oder minder heruntergekommenen Häuser zogen dann interessante Zwischenmieter ein, die teils länger blieben, als gedacht, da sich der Abriss verzögerte, darunter viel Nahrungsverkäufer, aber auch nette Cafés und Kioske.

Die Politik

Um 2014 kam Bewegung in die Sache, starteten Wettbewerbe zum Neubau. Vor einigen Monaten fällte der Rat dann eine Entscheidung. Und hier fangen die Fehler an: Denn statt das Viertel zu nutzen und großflächig Wohnungen mitzuplanen, dem Wohnungsmangel in Bonn zu begegnen, wurde beschlossen, nur dreistöckig statt fünfstöckig zu bauen…

Es wird also kein Leuchtturmviertel mit herausragender Mischnutzung geben, sondern eine kleinere Mall, deren Entwürfe eher mittelmäßig sind.

Aber gut, verschenkte Chance.

Der Bürger

Wie in Bonn üblich, gibt es auch besorgte Bürger. In diesem Falle zog der besorgte Bürger, der gegen den Abriss ist, sogar erst in das Viertel ein, just nachdem  der Rat für einen Neubau stimmte. Er habe eine Mietoption für 15 Jahre, wird er zitiert, habe viel Geld in die Sanierung des Ladens gesteckt. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Man könnte auch meinen, da wurde wer über den Tisch gezogen. Dass das Viertel abgerissen wird, stand in der Presse.

Das Viertel als “studentisch” zu bezeichnen, ist blanker Hohn. Weil Studenten da gelegentlich durchlaufen und Mittag essen? Das Viertel ist auf der Stockenstraße geprägt von stinkenden Autoschlangen, die sich in die Marktplatzgarage drängen. Über die Rathausgasse führt der Cityring, donnern Autos und Busse durch eine Betonschlucht, hier halten sich kaum Menschen auf. Klar gibt es hier einen “Club”, das BlowUp und eine Pub, das berühmte “Zebulon”, dazu ein paar Imbisse und ein Café, dass sich seit Jahren nicht traut zu sanieren, wegen des geplanten Abrisses. Das echte “Viertel”, die inneliegenden Höfe, sind für Gäste tabu.

Das Viktoriakarree in seiner jetzigen Bauart ist nicht studentisch. Es ist ein Relikt der Verkehrs- und Stadtplanung der 1970er Jahre.

Der Murks

Zeitgemäß wäre eine Fußgängerzogen in der Rathaus- und Stockenstraße, wären inneliegende Höfe und ein achtstöckiger Bau mit Geschäften und Ruhezone, mit Raum für kulturelle Entwicklungen, ein mutiger, ein futuristischer Entwurf. Etwas, woruf man stolz sein könnte. Ohne Rücksicht auf das Rathaus oder die Universität.

Die Chance hat der Rat vergeigt, weil er sich auf Gewerbeflächen konzentrierte , weil er eine Raum- und Stadtplanungspolitik vergangener Jahrzehnte verfolgt.

Muss man den Entwurf deshalb bekämpfen und ablehnen? Man kann es tun. Die Konsequenz aber wäre höchstwahrscheinlich kein besserer Entwurf.

Die Konsequenz wäre ein Stillstand für weitere 30 Jahre, mit weiteren Unsicherheiten für Mieter, eine neue Südüberbauung.

Bundesstadtmief.

Ob das besser ist, als ein Neubau, mag er noch so seelenlos sein? Das muss der Wähler entscheiden.